Über Nacht

mit Paulina

"Jeden Tag laufe ich an unzähligen Menschen vorbei und ich weiß nichts über sie."

Konzept

Daraufhin gab es selten weitere Nachfragen. Höchstens ein "Da findet ihr doch nie jemanden." wurde noch nachgeschoben.

Warum ist das Sprechen am helllichten Tag mit einer fremden Person so normal, das über Nacht bleiben dann aber ein Einschnitt in die Privatsphäre?

Natürlich, die eigene Wohnung ist ein Raum, den nicht jeder betreten darf. Er sagt viel über die jeweilige Persönlichkeit aus und macht ihn genau deshalb so interessant für uns! Jeder weitere Abschnitt eines Abends und Morgens erzählt - Puzzleteil für Puzzleteil - den Charakter der Person.

Was isst sie zu Abend - und wie? Ist sie Nachteule oder Frühaufsteher? Wie ist die tägliche Routine?
Die besuchte Person kann sich nicht hinter zurechtgelegten Antworten verstecken. Taten zeigen, wie so oft im Leben, mehr als Worte.

Die Person, bei der wir die Nacht verbringen würden, sollte daher so verschieden wie möglich zu mir und meinem eigenem Alltag sein. Also am besten nicht Student sein, nicht im selben Viertel wohnen, tagsüber nicht unterwegs sein in den selben Cafés wie ich, nachts nicht in den selben Clubs. Andere Freunde haben, eine andere Familiensituation, ein anderer Werdegang.

Unser Ziel war eine lockere Situation. Wir wollten ein Gespräch! Und so verschieden unsere Gesprächspartner werden würden, so verschieden würden sich die Gespräche gestalten. Wir wollten so wenig vorher planen wie nötig, um so viel Spontanität wie möglich zuzulassen.

Ergebnis des Gespräches sollte ein auf etwa 20 Minuten konzentriertes Youtube-Video-Format werden. Die Zuschauenden sollten währenddessen sowohl mich als auch den Gesprächspartner kennenlernen und beobachten können, wie sich die Beziehung zueinander im Laufe des Abends verändert.

Teaser


ÜBER NACHT / Teaser

Piloten

Nachfolgend finden Sie die Geschichten zu unseren beiden Pilotdrehs.

Links: Pilotdreh mit Thomas
Rechts: Pilotdreh mit Disa & Sebastian

Filmstil des Pilotdrehs bei Thomas Filmstil des Pilotdrehs mit Disa und Sebastian

Thomas

Vertraut machen

Zu übernachten bei jemandem, den ich noch nie zuvor gesehen habe, habe ich schon über Couchsurfing häufig ausprobiert. Für mich neu war jedoch, dass das Kennenlernen dieses Mal gefilmt werden sollte.
Um uns allen die Nervosität zu nehmen, wollten wir deshalb eine Episode bei jemanden proben, den wir zwar gut genug kennen, um ihn nach Übernachtungsplätzen zu fragen, aber nicht gut genug, um typische Fragen, die man beim Kennenlernen stellt, für den Film nachstellen zu müssen.
Unsere erste Protagonistin musste leider absagen, da ihren Mitbewohnern die Anwesenheit von Kameras nicht geheuer waren. Diese Absage verunsicherte uns in Bezug auf die zufällige Straßenumfrage, die für den zweiten Dreh geplant war.

Schließlich filmten wir bei Thomas, der in diesem Projekt für den Schnitt zuständig war. Ich kannte ihn zwar flüchtig aus dem Studium, wusste allerdings außer seinem Namen nicht viel über ihn. Außerdem hatte er genug Platz in seiner WG und Lust - und erfüllte somit alle Bedingungen.

Dadurch fühlten wir uns auch nicht unwohl, als das Aufbauen der Technik relativ lange dauerte. Da wir alle bis dato selten mit Kameras und erst Recht nicht mit Funkmikrofonen umgegangen sind, war vieles neu und ungewohnt.

Thomas war zum Glück sehr geduldig was all dieses Ausprobieren anging. Außerdem bot er sehr viele spannende Gesprächsthemen und Meinungen, sodass ich keine Probleme hatte, ein interessantes Gespräch mit ihm zu führen. Trotzdem war die Situation im Großen und Ganzen doch wie ein Interview. Da Thomas sehr erzählfreudig ist, antwortete er sehr ausführlich auf meine Fragen und da seine Antworten meist sehr interessant waren, fielen mir mit meiner neugierigen Art auch schnell wieder neue Fragen dazu ein.

Deshalb war ein kleiner Spaziergang draußen eine gute Abwechslung. Technisch war das leider nicht so einfach umzusetzen, da die Kopflampe der Kamera uns beide sehr geblendet und eine natürliche Gesprächssituation erschwert hat. Auch für die Kameras war vor allem das Rückwärts laufen nicht einfach. Wie natürlich die gesamte Gesprächssituation wirkte, war ein Problem, dass sich durch den ganzen Dreh zog. Sowohl Thomas als auch Ich haben beide vorher noch nie vor Kameras gesprochen und da wir auch viele Nahaufnahmen geplant hatten, verhielten wir uns beide deutlich anders, sobald die Kamera an und genau vor unseren Gesichtern war. Daher entschieden wir uns, für den nächsten Dreh mindestens eine kleinere Kamera, wie beispielsweise eine Spiegelreflexkamera besonders für die Nahaufnahmen einzusetzen. Auch das zwei Personen im Raum die Kamera führten und deshalb war anwesend, aber nicht ins Gespräch involviert waren, war sehr ungewohnt.

Disa &
Sebastian

Auf der Suche in Neustadt

Um die Hauptperson(en) unseres ersten Nachtdrehs unter realen Bedingungen zu finden, haben wir einen ‚Rekrutierungstag‘ eingeplant, an dem wir im Zentrum von Halle Neustadt Passanten unsere Idee erläuterten und sie einluden, bei dem „Über Nacht“-Projekt dabei zu sein.

Neustadt wählten wir deshalb als passenden Ort, da wir gehofft hatten, Personen zum Mitmachen zu animieren, die einen konträren Lebensstil zum typischen Studenten führen. Auf diese Weise erwarteten wir interessante Gespräche vor laufender Kamera.

Unsere Idee wurde von den vorbeilaufenden Passanten überraschenderweise recht positiv aufgenommen. Die meisten hörten sich unser Vorhaben interessiert an und lobten, dass an der Universität solche praktischen Projekte gefördert werden. Wenn es dann aber zu der Frage kam „Dürfen wir einen Abend mit Ihnen verbringen, bei Ihnen übernachten und das Ganze auch noch mit Kameras filmen?“ war die erste Reaktion oft ein geschockter Gesichtsausdruck. Selbstverständlich sind nur die wenigsten Menschen spontan bereit, Fremden einen so tiefen Einblick in die eigene Privatsphäre zu gewähren.

Paulina spricht ein altes Paar an

Insgesamt vier Stunden suchten wir nach den perfekten Kandidaten und genau drei Passanten kamen in die engere Auswahl. Ein älterer Herr zum Beispiel war anfangs nicht abgeneigt, musste aber noch seine Frau um ihr Einverständnis bitten. Nach einem kurzen Rückruf stellte sich jedoch heraus, dass die Ehefrau nicht so große Lust auf solch ein Projekt hatte und am Abend auch leider schon verplant war.

Schließlich trafen wir auf Disa und Sebastian. Sie waren sofort begeistert, vor allem weil Disa selbst Medien- und Kommunikationswissenschaften studieren möchte. Da die beiden aber am selben Abend keine Zeit mehr hatten, tauschten wir Telefonnummern aus, um uns für einen Dreh in der darauffolgenden Woche zu verabreden. Die zwei entsprachen zwar nicht unbedingt unseren ursprünglichen Vorstellungen der ‚perfekten Kandidaten‘ (da sie wie wir auch Studenten sind), kommen aber aus Indonesien und Kolumbien und haben so eine ganz andere Sicht auf Deutschland und das Leben hier. Aus diesem Grund haben wir uns über die Begegnung und die Zusage sehr gefreut und waren gespannt auf die Dreharbeiten in einer Woche.

Schnitt

Schnitt

Da es für den Dreh und die Übernachtung besser ist, wenn nicht zu viele aus unserer Gruppe anwesend sind, und da wir beim Dreh nur einen „Moderator“ und zwei Kameraleute brauchen, beschränkte sich mein Teil bei der Produktion des ersten Videos auf die auch von mir bevorzugte Aufgabe des Schnitts. Das heißt ich musste zunächst aus 150GB bzw. mehreren Stunden Videomaterial von drei verschiedenen Kameras verwertbare Aufnahmen heraussuchen. Leider war ein Teil des Materials unbrauchbar, da entweder ein Knacken und Rauschen den Ton kaputt machte, der Wind die Sprache übertönte, der Ton extrem leise und unterdrückt klang, oder das Bild unscharf und derart bläulicher war, dass es nicht mit den anderen Videomaterial in Einklang zu bringen war. Beim nächsten Dreh müssten wir also zusätzliche Mikrofone, unter anderem mit einem Windschutz, verwenden, und darauf achten, dass wir den Weißabgleich auf verschiedenen Kameras möglichst so einstellen, dass beide Kameras ähnliche Farbtemperaturen anzeigen.

Das größte Kriterium zur Auswahl der verwendeten Clips war aber natürlich der Inhalt. Dadurch, dass über mehrere Stunden am Abend bzw. in der Nacht gefilmt wurde, hatte ich eine große Auswahl an Gesprächsthemen, von denen ich die interessantesten für unser Video raussuchen konnte. Da es sich um einen Kolumbianer und eine Indonesierin handelte, war der interessanteste Aspekt, ihre Eindrücke von Deutschland und der deutschen Mentalität.

Screenshot Fenster Dateigröße

War einmal ein Bild schlecht, aber das besprochene Thema interessant, konnte ich das Bild der anderen Kamera über den gleichen Ton legen, da wir mit zwei Kameras gefilmt hatten. Ebenso konnte ich immer die Tonspur wählen, welche eine bessere Qualität hatte. Nur selten könnte ich eine interessante Stelle nicht verwendet, da entweder Bild oder Ton von beiden Kameras unbrauchbar war. Einen Sprung des Gesprächsthemas durch einen Schnitt entschied ich mich nicht weiter zu verstecken, sondern direkt Clip an Clip zu schneiden - damit jedoch nicht die Kamera etwas im Bild springt bzw. die Personen im Bild beim Schnitt an eine andere Stelle springen, schnitt ich jeweils das Bild der anderen Kamera dazu, wenn ein Schnitt in ähnlicher Einstellung erfolgte. Durch die zweite Kamera konnte ich ebenfalls eine andere Perspektive während des Gesprächs zeigen, um Abwechslung hineinzubringen, oder falls Mimik und Gestik in der anderen Perspektive besser sichtbar waren.

Um den Videos unseres Projekts mehr Authentizität und Hintergrundformationen zu geben, zeigen wir am Anfang des Videos unseren Versuch auf der Straße Leute darauf anzusprechen, ob wir nicht einen Abend mit Ihnen verbringen können. Dass dabei gefilmt wird, und dass wir ebenfalls übernachten wollen, war natürlich für fast alle Passanten ein Grund abzulehnen. Um auf lustige Weise zu zeigen, wie schwierig es sein kann, jemand Bereitwilligen zu finden, schnitt ich drei Versuche bei denen es nicht klappte als Intro für unser Video an den Anfang. Diese geben einen auflockernden Einstieg in das Video, ohne zu verraten, bei wem wir letztendlich übernachten. So hält sich noch ein bisschen Spannung als gezeigt wird wie Paulina unsere „Moderatorin“ am Abend des Geschehens am Eingang des Hauses klingelt und alle schließlich vor der Wohnungstür auf ihre Gastgeber warten.
Cutter, GIF via Giphy


Um dem Betrachter ein Verständnis davon zu geben, wo die Gespräche des Abends ablaufen, also den Hintergrund des Geschehens zu zeigen, habe ich versucht am Anfang möglichst viele Szenen zu verwenden, in denen die Wohnung der Gastgeber sichtbar ist, da während des Hauptteils der Gespräche diese nicht mehr sichtbar sein würde. So sieht man z.B. die Küchenecke, in der Sebastian das Essen austeilt. Mir lagen ebenfalls zwei kurze Clips vor, die Fotos von Disa und Freunden in einer Photobooth zeigten, und ein Whiteboard mit einer Karte und Abschiedsgrüßen zeigten. Diese schnitt ich an passenden Stellen ebenfalls zwischen bzw. unter die Gespräche. Da eine der Videospuren durch einen anderen Weißabgleich leicht bläulicher war, habe ich die Farbtemperatur erhöht, damit die verschieden Spuren der zwei Kameras auch zusammen passen. Außerdem habe ich durch die automatische Rauschfilterung von Final Cut Pro X das in allen Tonspuren erhaltene Rauschen etwas herausgefiltert. Zu stark konnte man die Rauschfilterung jedoch nicht einstellen, da sonst der Ton gedämpft klang.

Das Aufbauen der Schlafplätze und das Zubettgehen zeige ich im Zeitraffer, um nach den langen Gesprächen einen kurzen Moment der Ruhe ins Video zu bringen und natürlich um zu zeigen, dass unser Team tatsächlich bei ihren Gastgebern übernachtet hat. Für die Zeitraffer-Szenen ohne Ton habe ich dabei einen lockeren Instrumental-Song aus dem Film Frances Ha verwendet. Der Zeitraffer des Zubettgehens blendet dabei in Schwarz ab und danach in eine Szene am nächsten Morgen langsam wieder auf, womit das Vorübergehen der Nacht vermittelt wird. Das Team verabschiedet sich und während sie auf den Fahrstuhl warten, wird nocheinmal kurz der Blick aus dem Fenster gezeigt, welcher einen kurzen Eindruck der Umgebung in Halle-Neustadt vermittelt. Nach dem Schnitt auf die sich schließenden Fahrstuhltüren folgt ein Outro-Zeitraffer der zeigt wie das Team im Fahrstuhl noch schlaftrunken von der letzten Nacht sich unterhält und wahrscheinlich den letzten Abend reflektiert und schließlich das Hochhaus verlässt. Das Video endet damit, wie die Kamera den Hausblock hinhoch sieht und das Bild in Schwarz überblendet.

Fazit

Die Fertigstellung des Videos wurde zu einem größeren Problem als gedacht. Da der Drehtag selber erst gegen 21:30 begann und wir vor allem darauf achteten, dass sich unsere beiden Protagonisten Disa und Sebastian wohlfühlten, litt die technische Umsetzung leider darunter. Obwohl wir uns durch den Probedreh schon an den Aufbau der Kameras und des Tons herangetastet hatten, war am Dreh in Neustadt doch vieles anders. Die Funkmikrofone waren anders eingestellt als zuvor und funktionierten nicht richtig. Da die ungewohnte Situation an diesem Tag im Vordergrund stand, war nicht viel Zeit, dieses Problem zu beheben. Vor allem für mich, Paulina, stand an diesem Tag im Vordergrund, dass sich Disa und Sebastian so wohl wie möglich in der für sie besonders ungewohnten Situation zu fühlen. Man merkte den beiden ihre Nervosität deutlich an, wodurch sie aber schnell sehr sympathisch wirkten.

Unsere Idealvorstellung der Gesprächspartner war mit Disa und Sebastian nicht ganz getroffen, da sie mir in ihrer Lebenssituation doch sehr ähnelten. Trotzdem war das Gespräch durch die kulturellen Unterschiede sehr interessant. Natürlich gab es über den Abend hinweg auch viele seichte Gesprächsthemen im Smalltalk Bereich, da wir uns erst einmal aneinander gewöhnen und die Situation etwas auflockern mussten. Zum Ende hin hatte ich aber das Gefühl, die beiden ein bisschen zu kennen und in vielen Dingen mit ihnen auf einer Wellenlänge zu sein. Natürlich wäre es auch interessant gewesen, bei jemandem zu übernachten, der in vielen Themen eine ganz andere Einstellung als ich hätte. Für den ersten richtigen Dreh war die Situation so aber viel angenehmer für beide Seiten.

Das Video entspricht in seiner Endfassung leider nicht ganz unseren ästhetischen Erwartungen, die wir zu Anfang hatten. Das liegt, wie schon erwähnt, an den technischen Fehlern, die während des Drehs gemacht wurden. Dadurch war es für den Schnitt oft nicht möglich, frei aus den Bildern und dem Ton zu wählen. Trotzdem kann der Kurzfilm die über den Abend entwickelte Atmosphäre gut wiedergeben, was für uns Vorrang hatte. Technische Komponenten, vor allem ein guter Ton, könnten bei weiteren Drehs noch deutlich verbessert werden.

Credits

Team:
Paulina Mehner (Moderation)
Milena Giskes (Kamera)
Sören Engels (Kamera, Webdesign)
Thomas Weinreich (Schnitt)

Vielen Dank an die Teilnehmer der Piloten:
Thomas Weinreich
Disa Pranaya
Juan Sebastian Rico Palacios

Danke auch an die Technikausleihe und Betreuung durch Thomas Knebel.

GIF via giphy.com

Dieses Konzept ist entstanden im Rahmen des Seminars Multimedia 4.4 in der Abteilung Medien- und Kommunikationswissenschaft des Instituts für Musik-, Medien- und Sprechwissenschaften.

Es wurde betreut von Dr. Werner Barg und Jörn Rohrberg.